Was, wenn eine gute Führungskraft eine Entscheidung treffen muss, für die andere sie plötzlich für einen schlechten Menschen halten?

Wie schnell urteilen wir eigentlich über andere?

Eine Entscheidung wird getroffen. Wir hören sie, erleben ihre Auswirkungen – und innerhalb weniger Augenblicke haben wir möglicherweise bereits ein Bild von dem Menschen, der sie getroffen hat.

„Wie kann man nur?“

„Das ist doch völlig unmenschlich.“

„Den Verantwortlichen sind die Menschen offenbar egal.“

Vielleicht kennen wir dieses Gefühl alle.

Doch gerade bei schwierigen Führungsentscheidungen lohnt es sich, einen Moment länger hinzusehen.

Denn es kommt auch darauf an, mit welchem Ohr wir zuhören.

Wir hören Entscheidungen niemals vollkommen neutral

Eine Entscheidung erreicht uns nicht in einem luftleeren Raum.

Wir hören sie durch unsere eigenen Erfahrungen.

Durch unsere Erwartungen.

Durch unsere Enttäuschung.

Vielleicht durch unsere Angst vor den Konsequenzen.

Und manchmal auch durch frühere Erfahrungen mit Führung, Macht oder Ungerechtigkeit.

Das bedeutet nicht, dass unsere Reaktion falsch ist.

Aber sie ist eben unsere Perspektive.

Und vielleicht ist genau deshalb eine Frage wichtig:

Was weiß ich eigentlich über das, was dieser Entscheidung vorausgegangen ist?

Welche Informationen lagen vor?

Welche Alternativen wurden geprüft?

Welche Konsequenzen hätte eine andere Entscheidung gehabt?

Welche Interessen mussten gegeneinander abgewogen werden?

Und welche Verantwortung trägt der Mensch, der am Ende entscheiden muss?

Eine schmerzhafte Entscheidung ist nicht automatisch schlechte Führung

Wir wünschen uns von guten Führungskräften Menschlichkeit, Fairness, Transparenz und Empathie.

Zu Recht.

Aber gute Führung bedeutet nicht, dass jede Entscheidung für alle Beteiligten angenehm sein kann.

Manchmal müssen Budgets gekürzt werden.

Projekte werden beendet.

Aufgaben neu verteilt.

Ein Nein muss ausgesprochen werden.

Eine Richtung muss geändert werden.

Und manchmal muss eine Führungskraft eine Entscheidung treffen, obwohl sie genau weiß:

Jemand wird enttäuscht sein.

Vielleicht wird jemand wütend.

Vielleicht fühlt sich jemand nicht gesehen.

Vielleicht wird die Entscheidung sogar als persönliche Ablehnung erlebt.

Und trotzdem muss irgendwann jemand sagen:

Wir machen es so.

Das ist eine der unbequemen Seiten von Verantwortung.

Was wir von außen häufig nicht sehen

Wir sehen die Entscheidung.

Was wir oft nicht sehen, ist der Mensch dahinter.

Vielleicht hat diese Führungskraft lange gerungen.

Vielleicht wurden verschiedene Möglichkeiten geprüft.

Vielleicht weiß sie sehr genau, welche Auswirkungen ihre Entscheidung auf andere haben wird.

Vielleicht zweifelt sie sogar selbst.

Eine Führungskraft kann ein klares Nein aussprechen und trotzdem mitfühlen.

Sie kann bei einer Entscheidung bleiben und trotzdem bedauern, dass jemand darunter leidet.

Sie kann Verantwortung übernehmen und abends nach Hause gehen mit der Frage:

War das wirklich richtig?

Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Klarheit und Mitgefühl.

Entscheidungsfähigkeit und Zweifel.

Autorität und Menschlichkeit.

Führungskräfte sind keine Funktionen

Vielleicht vergessen wir das manchmal.

Wir sprechen von „der Führung“, „dem Management“, „den Entscheidern“.

Und damit wird aus einem Menschen schnell eine Funktion.

Von dieser Funktion erwarten wir dann etwas nahezu Unmögliches:

Sie soll entscheiden.

Konsequent sein.

Verantwortung übernehmen.

Orientierung geben.

Menschlich bleiben.

Niemanden verletzen.

Und möglichst niemals falschliegen.

Doch Führungskräfte sind Menschen.

Und Menschen können keine Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen sie vollständig vorhersehen.

Gute Führung braucht keinen Unfehlbarkeitsanspruch

Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis darüber, was Autorität bedeutet.

Autorität bedeutet nicht:

Ich habe entschieden, also muss meine Entscheidung richtig sein.

Eine gute Führungskraft darf neue Informationen bekommen und ihre Einschätzung verändern.

Sie darf sagen:

„Ich habe mich geirrt.“

Sie darf eine Entscheidung korrigieren.

Sie darf einen anderen Weg einschlagen.

Und sie darf Verantwortung dafür übernehmen, was ihre ursprüngliche Entscheidung ausgelöst hat.

Das schwächt Autorität nicht zwangsläufig.

Es kann sie sogar glaubwürdiger machen.

Denn Führung bedeutet nicht, niemals falschzuliegen.

Führung bedeutet, Verantwortung auch dann zu übernehmen, wenn man falschlag.

Kritik und Verurteilung sind nicht dasselbe

All das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jede Führungsentscheidung akzeptiert werden muss.

Macht darf hinterfragt werden.

Unfaire Entscheidungen dürfen benannt werden.

Schlechte Führung darf kritisiert werden.

Und eine Führungsposition ist niemals ein Freibrief dafür, Menschen respektlos zu behandeln.

Doch vielleicht gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen:

„Ich halte diese Entscheidung für falsch.“

und:

„Du bist ein schlechter Mensch, weil du diese Entscheidung getroffen hast.“

Das eine beurteilt eine Handlung.

Das andere beurteilt einen Menschen.

Und möglicherweise brauchen wir gerade in schwierigen Situationen die Fähigkeit, beides voneinander zu trennen.

Mit welchem Ohr hören wir zu?

Vielleicht lohnt es sich deshalb, bei der nächsten Entscheidung, die uns ärgert oder verletzt, einen kurzen Moment innezuhalten.

Nicht, um sie schönzureden.

Nicht, um unsere eigene Perspektive aufzugeben.

Sondern um uns zu fragen:

Was weiß ich – und was vermute ich nur?

Und genauso gilt dieser Spiegel für Menschen, die selbst führen.

Kann ich eine notwendige Entscheidung treffen, obwohl andere mich dafür möglicherweise ablehnen?

Kann ich klar bleiben und trotzdem menschlich?

Kann ich Kritik aushalten, ohne sofort in Verteidigung zu gehen?

Und kann ich erkennen, wenn ich mich geirrt habe?

Vielleicht zeigt sich gute Führung gerade in dieser Spannung.

Nicht darin, dass sich jede Entscheidung gut anfühlt.

Sondern darin, schwierige Entscheidungen bewusst zu treffen, ihre Konsequenzen zu tragen – und dabei Mensch zu bleiben.

Und vielleicht bleiben am Ende zwei Fragen:

Wenn du selbst führst: Kannst du eine notwendige Entscheidung treffen, obwohl andere dich dafür möglicherweise ablehnen?

Und wenn du geführt wirst: Kannst du eine Entscheidung ablehnen, ohne daraus sofort ein Urteil über den Menschen zu machen, der sie getroffen hat?

 

Wenn du merkst, dass dich genau solche Situationen gerade beschäftigen, melde dich gern bei mir.

Oder lass uns in einem kurzen Gespräch schauen, was sich für dich verändern darf.

angela-kiesewetter.de