
Von außen betrachtet funktioniert Dein Leben vielleicht ziemlich gut.
Du hast einen Beruf. Vielleicht eine Familie, eine Partnerschaft, Freundschaften. Menschen verlassen sich auf Dich.
Du organisierst.
Denkst voraus.
Hältst Standards.
Findest Lösungen, wenn andere nicht weiterwissen.
Du erinnerst Dich an Termine, erkennst Probleme oft schon, bevor sie entstehen, hältst Dinge zusammen und bekommst irgendwie auch das noch hin, von dem Du morgens dachtest, dass es heute wirklich nicht mehr geht.
Vielleicht bist Du sogar ziemlich gut darin.
Und genau deshalb fällt lange gar nicht auf, dass etwas fehlt.
Denn es gibt keinen großen Zusammenbruch.
Keine dramatische Krise.
Keinen Moment, in dem plötzlich alles stillsteht.
Das Leben funktioniert.
Nur eine Person kommt darin möglicherweise immer seltener vor:
Du.
„Ich bräuchte einfach mal Zeit für mich.“
Diesen Gedanken kennen viele Menschen.
Wenn es gerade besonders voll ist, erscheint die Lösung ziemlich offensichtlich:
Wenn ich endlich einmal Zeit hätte …
Zeit zum Ausruhen.
Zeit für Dinge, die Freude machen.
Zeit, in der niemand etwas möchte.
Zeit nur für mich.
Doch was passiert eigentlich, wenn diese Zeit plötzlich da ist?
Keiner braucht gerade etwas von Dir.
Keine Aufgabe drängt.
Keine Nachricht muss sofort beantwortet werden.
Kein Problem wartet darauf, gelöst zu werden.
Endlich Ruhe.
Und dann?
Vielleicht fühlt sie sich gar nicht so an, wie Du es Dir vorgestellt hast.
Du wirst unruhig.
Greifst zum Handy.
Räumst noch schnell etwas weg.
Beantwortest doch noch diese eine Nachricht.
Dir fällt plötzlich ein, was Du schon seit Tagen erledigen wolltest.
Oder Du sitzt einfach da und hast dieses merkwürdige Gefühl:
Irgendetwas fehlt.
Dabei fehlt objektiv vielleicht gerade zum ersten Mal überhaupt nichts.
Was möchtest Du eigentlich?
Das ist eine erstaunlich einfache Frage.
Und manchmal eine verdammt schwierige.
Denn wenn unser Alltag über lange Zeit davon bestimmt wird, was getan werden muss, verändert sich möglicherweise auch unsere Aufmerksamkeit.
Wir fragen:
Was steht heute an?
Wer braucht etwas?
Was fehlt?
Was muss organisiert werden?
Wo gibt es ein Problem?
Wie lösen wir es?
Wie bekomme ich das auch noch hin?
Das sind wichtige Fragen.
Sie machen uns zuverlässig.
Verantwortungsvoll.
Lösungsorientiert.
Vielleicht sogar außergewöhnlich gut in dem, was wir tun.
Nur eine Frage taucht zwischen all den anderen irgendwann immer seltener auf:
Was brauche eigentlich ich?
Und selbst wenn wir sie stellen, verwandeln wir sie manchmal sofort wieder in eine Aufgabe.
Ich sollte mehr Sport machen.
Ich müsste besser schlafen.
Ich sollte meditieren.
Ich brauche mehr Selfcare.
Ich müsste endlich lernen abzuschalten.
Schon wird selbst die Zeit für uns zu einem weiteren Punkt auf einer Liste, den wir möglichst gut erledigen möchten.
Wenn Funktionieren zum vertrauten Zustand wird
Vielleicht liegt das Problem deshalb gar nicht nur darin, zu wenig freie Zeit zu haben.
Vielleicht haben wir uns so sehr daran gewöhnt, gebraucht zu werden, zu organisieren und etwas zu bewirken, dass ein Raum ohne Anforderungen plötzlich fremd wird.
Wenn niemand etwas von mir braucht – was mache ich dann?
Wenn nichts gelöst werden muss – womit beschäftige ich mich?
Wenn ich gerade nichts leiste, organisiere oder für jemanden tue – wer bin ich dann in diesem Moment?
Das kann sich erstaunlich unangenehm anfühlen.
Nicht unbedingt dramatisch.
Eher wie eine leise Unruhe.
Als müsste man eigentlich irgendwo anders sein.
Als würde man gerade nicht richtig am Leben teilnehmen.
Also suchen wir uns wieder etwas.
Nur schnell die Küche.
Nur diese Mail.
Nur noch die Wäsche.
Nur kurz schauen, was morgen ansteht.
Und schon ist das vertraute Gefühl wieder da:
Ich werde gebraucht. Ich habe etwas zu tun. Ich bin beteiligt.
Vielleicht liegt darin auch ein Preis unserer Kompetenz
Gerade Menschen, die viel Verantwortung tragen, werden häufig für genau diese Fähigkeiten geschätzt.
Du denkst mit.
Du siehst, was andere übersehen.
Du findest Lösungen.
Du bist verlässlich.
Du hältst Dinge zusammen.
Und irgendwann wird daraus vielleicht sogar ein Teil dessen, wie andere Dich kennen:
Frag sie, sie weiß bestimmt, wie es geht.
Sie bekommt das hin.
Auf sie kann man sich verlassen.
Das fühlt sich nicht nur belastend an.
Es kann auch schön sein.
Bedeutsam.
Verbindend.
Vielleicht sogar identitätsstiftend.
Und deshalb wäre es zu einfach, nur zu sagen:
„Dann mach halt weniger.“
Denn möglicherweise müssten wir dafür etwas viel Grundsätzlicheres anschauen:
Wie viel meines Gefühls von Bedeutung entsteht inzwischen daraus, dass ich gebraucht werde?
Und was geschieht mit mir, wenn das für einen Moment wegfällt?
Es sind vielleicht gar nicht die großen Dinge
Wenn wir merken, dass wir selbst in unserem Leben kaum noch vorkommen, denken wir schnell an große Veränderungen.
Ein freies Wochenende.
Eine Reise allein.
Einen Wellness-Tag.
Weniger Arbeitszeit.
Mehr Me-Time.
All das kann wunderbar sein.
Aber vielleicht beginnt die eigentliche Veränderung viel kleiner.
Den Kaffee trinken, solange er warm ist.
Zehn Minuten sitzen bleiben, obwohl noch etwas getan werden könnte.
Musik hören, ohne nebenbei aufzuräumen.
Beim Spaziergang nicht gleichzeitig zu telefonieren.
Einen Umweg nehmen, weil er schöner ist.
Etwas kochen, weil Du Lust darauf hast.
Etwas lesen, das keinerlei Nutzen hat.
Nicht sofort aufzustehen, nur weil Dir gerade einfällt, was Du noch erledigen könntest.
Kleine Momente, in denen nichts optimiert werden muss.
In denen Du nichts zurückbekommst.
Niemand beeindruckt ist.
Niemand Dir dankt.
Und niemand Dich dafür braucht.
Du machst etwas nur deshalb, weil es sich für Dich gut anfühlt.
Das klingt beinahe banal.
Aber für jemanden, dessen Aufmerksamkeit über Jahre darauf gerichtet war, was als Nächstes gebraucht wird, können genau diese kleinen Dinge erstaunlich ungewohnt sein.
Vielleicht brauchst Du nicht noch eine Aufgabe
Auch „mehr auf mich achten“ kann irgendwann zum nächsten Projekt werden.
Dann planen wir Erholung.
Tracken Schlaf.
Optimieren Freizeit.
Setzen uns Selfcare-Ziele.
Und ärgern uns am Ende darüber, dass wir auch beim Entspannen nicht besonders gut entspannen.
Vielleicht müssen wir nicht sofort etwas verbessern.
Vielleicht beginnt es damit, wieder wahrzunehmen.
Was tut mir eigentlich gut?
Nicht: Was sollte mir guttun?
Nicht: Was wäre gesund?
Nicht: Was macht mich morgen leistungsfähiger?
Sondern:
Was mag ich?
Was interessiert mich?
Wobei verliere ich die Zeit?
Wann werde ich neugierig?
Was macht mir Freude, obwohl es vollkommen unproduktiv ist?
Vielleicht sind die Antworten zunächst erstaunlich klein.
Das macht sie nicht unwichtig.
Im Gegenteil.
Vielleicht finden wir genau dort langsam etwas wieder, das zwischen all den Verantwortungen, Erwartungen und Aufgaben immer leiser geworden ist:
uns selbst.
Und wenn morgen niemand etwas von Dir bräuchte?
Stell Dir vor, Du wachst morgen auf.
Für einen ganzen Tag gibt es nichts zu organisieren.
Niemand erwartet eine Lösung.
Niemand braucht Deine Hilfe.
Keine Aufgabe ist dringend.
Du musst nichts beweisen.
Nichts aufholen.
Nichts optimieren.
Der Tag gehört Dir.
Was würdest Du tun?
Und wenn Dir auf diese Frage nicht sofort etwas einfällt, ist vielleicht genau das interessant.
Nicht als weiterer Grund, Dich zu kritisieren.
Sondern als Hinweis darauf, wie lange Deine Aufmerksamkeit möglicherweise schon überall war – nur selten bei Dir.
Denn vielleicht ist Dein Leben tatsächlich gar nicht schlecht.
Vielleicht funktioniert es sogar beeindruckend gut.
Und vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, einmal hinzusehen:
Hast Du Dein Leben so gut organisiert, dass für alles und jeden darin ein Platz entstanden ist – nur für Dich selbst immer weniger?
Denn ein funktionierendes Leben ist nicht automatisch ein erfülltes Leben.
Und vielleicht beginnt Veränderung manchmal nicht damit, das ganze Leben auf den Kopf zu stellen.
Sondern mit einer viel kleineren Frage:
Und ich?
Wenn du merkst, dass dich genau solche Situationen gerade beschäftigen, melde dich gern bei mir.
Oder lass uns in einem kurzen Gespräch schauen, was sich für dich verändern darf.
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